Der "große Menschenocean"

Die nächste Veranstaltung der Goethe-Gesellschaft Oldenburg findet am Dienstag, 25. März, um 19:30 Uhr im Vortragssaal der Landesbibliothek am Pferdemarkt statt.

Dr. Mirjam Springer (Münster): Der „große Menschenocean“ auf der Bühne. Schillers dramatisches Fragment Die Polizey


Vierzehn dramatische Fragmente fanden sich in Schillers Nachlass. Sobald Schiller einen Text hatte drucken lassen, vernichtete er meist alle Manuskriptseiten. Doch die Blätter, auf denen er Handlungen strukturiert, Alternativen notiert, Dialogsplitter entworfen, Szenerien konturiert hatte, hob er auf, holte sie immer wieder einmal hervor, durchdachte sie, häufig nach langer Zeit, unter anderer Fragestellung neu.
Der Vortrag beschäftigt sich mit der Polizey, einem der aufregendsten Projekte aus der Werkstatt des Theatermachers. Außer Berlin hat Schiller nie eine größere Stadt gesehen, Geld und Zeit reichten nicht, selber zu reisen. Doch er las gern Reisebeschreibungen und empfand dabei ein „unaussprechliches Vergnügen, [sich] im möglichst kleinsten körperlichen Raum im Geiste auf der großen Erde herum zu tummeln.“ (An Charlotte von Lengefeld, 27. November 1788.) Viele fuhren nach Paris in diesen Jahren, und Schiller ließ sich von den Eindrücken berichten, die etwa Wilhelm von Humboldt oder Friedrich Schulz in der Metropole sammelten. So machte sich Schiller ein Bild von der Stadt. In Anlehnung an Merciers vorrevolutionäres Tableau de Paris sucht Schiller dann, jahrelang, eine Dramaturgie für ein Gesellschaftspanorama, für den „großen drängenden Menschenocean“ Paris (ebd.), und kommt dabei zu erstaunlich modernen Raumexperimenten.

Dr. Mirjam Springer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Institut, Abt. Neuere Deutsche Literatur, der Universität Münster. Forschungsschwerpunkte: Weimarer Klassik (Schiller), Lyrik/Lyriktheorie nach 1945, Intermedialität (Literatur – Musik).
Veröffentlichungen u.a. zu Schillers dramatischen Fragmenten, zu Annette von Droste-Hülshoff, zu Fallada und zur Gegenwartslyrik.