Goethes ästhetisches "Ma(n)ifest"

Dienstag, 14.06.2016, 20 Uhr (!), BIS-Saal der Universität, Uhlhornsweg

Prof. Dr. Christian Weber (Florida State University): Goethes ästhetisches „Ma(n)ifest“ 

In der Geschichte der ästhetischen Theorie ist Goethe bisher nicht ausreichend gewürdigt worden. Er ist auch nicht gerade als ein Philosoph in Erscheinung getreten, hat aber als Dichter einen entscheidenden Beitrag zu ihr geleistet, gerade indem er das lyrisch-poetische Ereignen als einen wesentlichen Vorgang der ästhetischen Totalerfahrung begriff und diese selbst zum Gegenstand der Dichtung machte. In diesem Sinn wird mein Vortrag das berühmte Mayfest (später umbenannt zu Mailied) als die exemplarische Darstellung eines vollständigen ästhetisch-poetischen Prozesses interpretieren, der sich aus der aisthetischen Erfahrung, dem poietischen Ereignis und dem das eine ins andere übersetzende lyrischen Moment konstituiert. Dabei wird sich erweisen, dass im Mailied die aisthetische Poetik Herders und die im Grunde poietische Ästhetik Kants auf phänomenale Weise zusammenwirken. Durch die gleichermaßen geglückte wie beglückende Reflektion des ästhetisch-poetischen Prozesses im lyrischen Ausdruck dieses Gedichts findet Goethes ästhetische Theorie ihre Bestätigung in der poetischen Praxis.